Portale sind tot – es leben die Portale!

Wow, in diesem Jahr summiert sich meine Berufserfahrung im Bereich der Online-Portal-Entwicklung auf 21 Jahre! Bei der Konzeption meines ersten Regionalportals www.stadtmarkt.de im Jahr 1996 für meinen damaligen Arbeitgeber hatten Portale eine wahre Daseinsberechtigung. Google war noch nicht gegründet, Web.de bot einen bundesweiten und wenig ausgebauten Web-Katalog und Nutzer waren relativ orientierungslos im Web unterwegs. Wobei: eine wirkliche Anzahl an Nutzern gab es damals – im Vergleich zu Heute – nicht wirklich. Schließlich wurde das World Wide Web gerade erst einmal vor drei Jahren für die Allgemeinheit geöffnet. Damals surfte man noch – mit 14.400 KBit/s-Modem oder bestenfalls per 64 KBit/s schnellem ISDN.

Mein erstes Portal entstand 1996

Herzstück meines damaligen Konzeptes war ein NRW-weiter Webkatalog mit chicem Corporate Design. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die HTML-Technologie und die IT-Infrastruktur – und somit auch die realisierbaren Darstellungsmöglichkeiten – rasant weiter. In den Jahren meiner Selbstständigkeit entstanden unter www.westfalenlive.de ein westfälisches Portale mit Webkatalog, Anzeigenmarkt und Veranstaltungskalender, unter www.hammonline.de ein Stadtportal mit eigener Wochenredaktion und unter www.hammtv.de der erste lokale Fernsehsender für Hamm mit täglicher Videoberichterstattung. Über 1.000 Videos produzierte mein VJ-Kollege in fünf Jahren. Respekt!

Facebook stellte alles auf den Kopf

Durch die zunehmende Verbreitung der sozialen Medien, allen vorne Facebook, registrierte ich seit Mitte 2010 eine sich festigende Stagnation der Web-TV-Zugriffszahlen. Meiner Überzeugung nach lag dies am veränderten Mediennutzungsverhalten unserer User, die sich seitdem verstärkt über den Facebook-Newsstream informierten. Die Headlines mit kurzen Anreißern waren vielen Usern Information genug, Klicks auf die Artikel – welche dann zu Werbeerlös generierenden Seitenabrufen im Portal wurden – blieben aus, so dass ein werbefinanzierter Betrieb einer redaktionellen Plattform nicht mehr gewährleistet war. Letztendlich sah ich Anfang 2012 das Ende contentgetriebener lokaler Plattformen als gekommen und entschied mich zur Einstellung unsere journalistischen Tätigkeit. Das Portalthema war für mich damals für alle Zeiten vom Tisch. Falsch gedacht!

Digitale Transformation des Einzelhandels

Als E-Commerce-Agent befasse ich mich in den letzten Jahren verstärkt mit Potenzialanalysen und Zukunftsvisionen. So sah ich Anfang 2014 ein starkes E-Commerce-Wachstumspotential im bunten und ausgewählten Sortiment des stationären Einzelhandels. Eine Plattform musste her, um die lokalen Händler und ihre Angebote in einem würdigen Rahmen zu präsentieren. Nach einer mehrmonatigen Entwicklungsphase startete ich das Stadtportal www.hammonline.de neu als Web-Katalog mit Produkt- und Markensuche sowie eingebundenem E-Commerce-System. Mein Team bohrte dicke Bretter und akquirierte in einer missionarischen Vertriebsaktion um die fünfzig Partner, die ihre Produkte und Leistungen über unser Portal anboten. Doch nach rund einem Jahr stellte sich wiederum ein alter Bekannter vor: die zunehmende Stagnation. Fragen, wie “Wie kann das sein? Das macht doch keinen Sinn? Wir müssten doch weiter wachsen?” gingen mir durch den Kopf. Aber der Grund hierfür war klar.

25-jähriges Mauerblümchen

Obwohl das World Wide Web bald seinen 25. Geburtstag feiert, werden die Möglichkeiten von vielen Menschen und Unternehmern noch nicht erkannt, geschweige denn genutzt. Manche Branchen – so auch der stationäre Handel – hängt stark an alt bekannten und (früher) bewährten Verhaltensmustern fest. Man investiert sein Werbebudget lieber ein eine Tageszeitungsanzeige als in Google Adwords – oder in ein lokales E-Commerce-Portal. Die Unternehmen, die Online-Marketing verstanden haben, investieren aus ganz anderen Gründen nicht in ein lokales E-Commerce-Portal: Sie sind lokal bekannt und versprechen sich hierdurch keinen zusätzlichen Marketing-Effekt. Hieraus erkennen wir:

Die lokale Sichtweise ist beschränkt!

Bei meinen Projektierungen in den vergangenen Jahren habe ich stets meinen Lokalpatriotismus hoch gehalten. Heute erkenne ich, dass das falsch war! Denn: Wir leben nicht lokal – sondern regional. Wir pendeln zur Arbeit in den Nachbarort, unsere engen Freunde wohnen im Umkreis von bis zu 30 Kilometern, wir reisen um einzukaufen und unsere Freizeit zu verbringen. Auch ist das Potenzial innovativer Unternehmen am Ort zu gering, um lokale Portal wirtschaftlich und langfristig betreiben zu können. Durch das Aufsetzen der Regionalbrille sehe ich heute den Sinn- und Unsinn von Portalen anders: Selbstverständlich macht es Sinn, das Internet zu sortieren. Selbstverständlich können Bigplayer keine exzellente Datenqualität aufbauen. Selbstverständlich sollten wir auf unser Bauchgefühl hören und das tun, woran wir glauben. Und das tue ich von nun an zusammen mit meinem engagierten Team bei der Umsetzung und dem Aufbau des Regionalportals für Westfalen (back to the roots) und das Ruhrgebiet www.westfalenonline.de.

Es gibt viel zu entdecken, packen wir’s an!

 

 

Über den Blogger

Thomas Reimann

Mich prägten die Musik der 80er, C64 und Amiga. Seit über 20 Jahren tauche ich durch’s Internet und schreibe in diesem Blog ein paar Dinge auf, die mir auf meinem Weg als #Existenzgründer, #Medienunternehmer, #Softwareentwickler, #Internetsaurier, #Mediator, #Biker und #Querdenker aufgefallen sind. Meine Mission ist die Digitale Transformation von Medien & Handel.

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